Das Porträt: Wie male ich die Augen?

Die Augen sind der Spiegel der Seele. Wenn du den Blick deines Modells einfangen kannst, hast du schon halb gewonnen.

Ich beginne ein Porträt immer mit einem Auge, denn sobald das Auge da ist, lebt das Bild und ich kann in Kommunikation mit ihm gehen. Für mich ist dieses Gegenüber das Schöne und Besondere an der Porträtmalerei.

Hast du dir schon mal ein Auge ganz genau angesehen? Ich stelle in meinen Kursen immer wieder fest, wie wenig die vielen Details dieses schönen Organs bekannt sind. Oft wird das Auge stark vereinfacht gemalt. Wenn du ein gutes Händchen hast, kannst du auch in der Vereinfachung den Blick eines Menschen gut einfangen, die Wahrscheinlichkeit ist aber sehr viel größer, wenn du genauer hinschaust, dadurch mehr siehst und dann genauer malst oder zeichnest.

Was gehört alles zum Auge, wie ist es aufgebaut?

Ja, zum Porträtmalen gehört nicht nur Geometrie, wie du in meinem ersten Gastbeitrag erfahren hast, sondern auch die Anatomie.

Der Augapfel liegt im Schädel in der Augenhöhle, die oben von der Augenbraue und unten vom Jochbein begrenzt ist. An der Innenseite (zur Nase hin) befindet sich der innere Augenwinkel.

Der Augapfel  ist oberhalb vom beweglichen Augenlid geschützt, darüber liegt das unbewegliche Augenlid.  Getrennt werden die zwei Lider von der Lidfalte. Das untere Augenlid grenzt mit der Wasserlinie an den Augapfel. Außen liegt der äußere Augenwinkel.

Der Augapfel ist wie eine Kugel. Vorne in der Mitte liegt die farbige Iris, in deren Mitte sich die Pupille, geschützt hinter der Linse und Hornhaut, öffnet. Wenn du das Auge von der Seite betrachtest, siehst du die Erhöhung der Hornhaut.

Bild 1 - Begriffsbestimmung

Bild 1 – Begriffsbestimmung

Jedes der Elemente ist bei jedem Menschen anders. Wenn du einen Menschen porträtierst, ist jedes einzelne Element wichtig. Jede Kleinigkeit.

In meinem ersten Blogbeitrag zum Thema Grundlagen der Portraitmalerei für FINDE DEINEN MALKURS habe ich dir gezeigt, wie wichtig die Linien, Flächen und Winkel beim Porträtmalen sind. Auch beim Malen eines Auges sind die Linien, Flächen und Winkel von größter Bedeutung!

Wie ist der Innere Augenwinkel geformt? Geht er mehr nach oben oder nach unten? Ist er lang und schmal oder weit und offen, d.h. spitz oder stumpfwinklig?

Liegt das bewegliche Oberlid frei oder verschwindet es zum Teil unter dem unbeweglichen Oberlid?

Wo liegt der höchste Punkt des beweglichen Oberlids? Ziehe in Gedanken eine Senkrechte nach unten und schau wo sie die Iris und das Unterlid streicht. Wie verläuft die Lidfalte im Vergleich zur unteren Begrenzung direkt am Augapfel?

Wo, auf welcher Höhe im Vergleich zum inneren Augenwinkel, lieg der äußere Augenwinkel? Ziehe in Gedanken eine waagerechte Linie von innen nach außen (siehe Bild 2).

Bild 2 – Positionsbestimmung der inneren und äußeren Augenwinkel

Nicht verzagen!

Das hört sich erstmal alles sehr kompliziert an, wenn du aber hinschaust und auf Entdeckungsreise gehst, wirst du viel Freude haben. Ich liebe es, all diese Details zu entdecken. Und wenn du sie beachtest, schaut dich am Ende dein Modell ganz lebendig an und das ist jedes Mal wie ein kleines Wunder!

Abstand und Symmetrie von Augenpaaren

Nun hat der Mensch in der Regel zwei Augen. Meistens liegen jeweils die inneren Augenwinkel auf einer Linie (rotes Kreuz), wie auch die beiden äußeren Augenwinkel (grünes Kreuz). Der Abstand der Augen voneinander ist natürlich individuell, aber oft beträgt er genau den Abstand einer Augenlänge. Die Augen sind oft etwas unterschiedlich, also schau dir jedes einzelne Auge sehr genau an.

Achte auch sehr genau auf die Schatten zwischen innerem Augenwinkel und Nase. Und darauf, wie breit der Nasenrücken ist und wie groß der Abstand zu den Augenbrauen.

Wie male ich Augen 3

Bild 3 – Abstand der Iris zu den Augenwinkeln

Die Magie des richtigen Blickes

Schielen deine Porträts manchmal leicht? Den Blick zu treffen, ist jedes Mal eine große Herausforderung. Eine kleine, wichtige Grundregel für Modelle, die keinen Augenfehler haben: die weißen Flächen beider Augen sind jeweils rechts der Iris genau wie links, gleich groß. Die Augen bewegen sich exakt parallel. Also, die Fläche zum rechten, inneren Augenwinkel (a) ist genau so lang, wie die Fläche zum äußeren Augenwinkel (a) vom linken Auge. Und umgekehrt (b).

Wie male ich Augen 4

Bild 4 – kreisrunde Iris

Achte darauf, dass deine gemalte Iris rund ist, und wo dieser Kreis von den Lidern geschnitten wird. Das ist sehr wichtig, damit der Blick und Ausdruck stimmt.

Soll das Modell den Betrachter anschauen? Ja das ist eine noch größere Herausforderung. Betrachte die gemalten Augen getrennt. Schauen sie dich an, rechts oder links an dir vorbei oder über dich hinweg? Nun kommt es auf klitzekleine Nuancen an, die Pupille einen Hauch nach rechts, oder nach oben zu versetzten, solange bis es dich anschaut. Der Blick stimmt, wenn er dich verfolgt, wenn du dich vor dem Bild bewegst. Egal in welchem Winkel du zu deinem Porträt stehst, du wirst angeschaut. Aber auch wenn das nicht hundertprozentig klappt, kannst du zufrieden sein.

Auch die ungeliebten „Schatten“ und Fältchen unter dem Auge tragen viel zum Blick bei. Diese liegen über und entlang des Jochbeins.

Schau welche Farben du um das Auge herum findest und vergiss nicht den Glanz auf den Augen. Oft ist es eine kleine Schattierung, die wir machen und plötzlich stimmt der Blick.

Wie male ich Augen 5

Bild 5 – Der magische Blick

Viel Freude bei den Begegnungen, die du durch dein Porträt mit Menschen haben wirst!

Stephanie

P.S. In meinem nächsten Beitrag lüfte ich einige Geheimnisse rund um den Mund.

 

 


Stephanie BahrkeSeit 2005 betreibt Stephanie Bahrke das Atelier unter der Linde für Portraitmalerei, ein lichtes Ladenatelier in Hamburg-Winterhude. Der Mensch stand schon immer im Mittelpunkt ihrer Kunst. Neben dem Malen von Auftragsportraits arbeitet sie interdisziplinär mit Künstlern anderer Genre zusammen und unterrichtet seit einigen Jahren Portraitmalerei.

Hier geht es zu dem Profil und den Kursen von Stephanie Bahrke.

 

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