Neue Perspektiven tun sich auf!


April 2019

Das Zeichnen mit Fluchtpunkten ist nicht nur routinierten Zeichnern sondern auch fast jedem (Hobby) Maler bekannt. Es bildet sozusagen den Boden für ein gegenständliches Bild. Aber wusstest du, dass es neben der geometrischen Perspektive auch eine Farbperspektive gibt?

Mit hellen Tonwerten Räumlichkeit erzeugen

Solltest du gerne gegenständlich malen wollen, aber kein guter Zeichner sein, ist die Auseinandersetzung mit der Farbperspektive ein probates Mittel, um zu einem zufrieden stellenden Ergebnis zu kommen. Du kannst damit einen scheinbar dreidimensionalen Eindruck entstehen lassen – Entfernung und Nähe darstellen und auch optische Plastizität erreichen. Hierbei ist es wichtig, dass alles, was weit entfernt scheinen soll, in helleren Tonwerten und kühlen Farben dargestellt wird, so wie wir es auch in der Natur erleben. Dieses Phänomen ist physikalisch begründet, denn Farben haben unterschiedliche Wellenlängen.

Die Fahrt ins Blaue

Schon die Alten Meister bedienten sich dieser Technik und wählten in der Landschaftsmalerei helle Blautöne, um weit entfernte Gebirgsketten darzustellen, eine Wiese, die bis zum Horizont reicht oder die unendliche Weite und Entfernung des Himmels. In Gemälden von Philipp Otto Runge und Caspar David Friedrich kann du das sehr schön erkennen.

Wusstest Du, dass die Sprüche „In’s Blaue fahren“ oder auch „In’s Blaue reden“ daher stammen? Man fährt ins Unbestimmte, weit entfernt. Man redet in das Nirgenwo, ebenso in das Unbestimmte, also nicht konkret.

Tonwert

Als Tonwert bezeichnet man die Helligkeit bzw. Dunkelheit einer Farbe. Also bitte nicht verwechseln mit dunklen oder hellen Farbtönen. Bei letzterem handelt es sich häufig um Pastelltöne. Wenn du z.B. innerhalb eines Bildes, welches eine Landschaft darstellt, keine Lichter und Schattierungen setzt, ist das Bild in einem Tonwert gemalt. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Farben Gelb, Grün, Rot oder Blau im Bild zu sehen sind, sondern in welcher Nuance du diese wählst.

In der Klassischen Moderne setzt sich diese Technik fort. Wenn du die Gemälde von Paul Cezanne betrachtest, wirst du das festellen. In dieser Epoche fingen die Küntler aber auch an zu experimentieren und brachten durch eine bewusst ungewöhnliche Farbwahl sehr viel Spannung in die Bilder. Dadurch wurden die Werke wesentlich emotionaler und es entstand eine vollkommen andere Bildsprache.

Effektvoller Einsatz von Kontrasten

Für den Hintergrund sind also alle hellen Blau-, Violett- und Grüntöne geeignet. Warme Farben wie beispielsweise Rot, Gelb und Orange sowie die aromatischen Brauntöne wie gebrannte Siena und Ocker drängen sich dem Betrachter auf und treten damit in den Vordergrund. Verwendest du kalte und warme Farben für dein Motiv, ergibt sich entsprechend ein Kalt-Warm-Kontrast. Gesteigert wird die Farbperspektive noch durch den Hell-Dunkel-Kontrast. Setzt du diesen zusätzlich ein, kann sich dein Bild signifikant verändern! Was passiert also, wenn du in der Landschaftsmalerei einen dunklen Himmel malst und davor eine helle Wiese, einen Strand oder das Meer in helleren Tonwerten darstellst und wie sieht es umgekehrt aus?

Probieren geht über Studieren

Nachfolgend zeige ich dir ein Motiv in zwei unterschiedlichen Varianten gemalt. In jeweils drei Schritten wird das Bild im Kalt-Warm-Kontrast und Hell-Dunkel-Kontrast weiterentwickelt. Schau selbst, was dir dabei auffällt und welches Ergbnis dir besser gefällt. Mein Favorit ist Variante 2!

Probiere es doch auch mal aus und male ein Motiv in zwei Varianten oder verändere ein Bild Schritt für Schritt und fotografiere es bei jedem Step. So dokumentierst du den Verlauf und kannst jederzeit auf deine eignen Erfahrungen zurückgreifen.

Variante 1

Farbperspektive variante1bild1

Bild 1
Noch sind die Tonwerte dieses Bildes nicht sehr unterschiedlich. Es wirkt etwas „flach“.

Farbperspektive variante1bild2

Bild 2
Kaum sind die Farben etwas intensiver und teilweise auch dunkler gewählt, kommt langsam Räumlichkeit ins Bild.

Farbperspektive variante1bild3

Bild 3
Dieser Eindruck wird durch eine weitere Steigerung der Farbintensität und des Kontrastes verstärkt.

Variante 2

Farbperspektive variante2bild1

Bild 1
Bei dieser Variante habe ich von Anfang an stark mit dem Hell-Dunkel-Kontrast gearbeitet. Der Kalt-Warm-Kontrast scheint dadurch verstärkt.

Farbperspektive variante2bild2

Bild 2
Im Vordergund habe ich den Rotanteil auf den Steinen erhöht. Die Partie unterhalb des Cliffs habe ich schattiert. Schon verändert sich die Perspektive.

Farbperspektive variante2bild3

Bild 3
Jetzt habe ich noch einige „Lichter“ gesetzt und mit schwarzen Konturen gearbeitet. Das Bild wirkt insgesamt lebendiger und „schärfer“.


Ute ZanderUte Zander, 1967 in Hamburg geboren und aufgewachsen, arbeitet als freischaffende Künstlerin, Autorin und Initiatorin von Workshops. Ute Zander gehört zu den Kunstschaffenden, die ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Begeisterung gern auch auf andere übertragen möchten. Als Autorin mehrerer erfolgreicher Bücher über die Acrylmalerei, sowie auch als Veranstalterin zahlreicher Malworkshops, führt sie mit großer Freude Menschen zu deren eigener Kreativität.

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