Frei und intuitiv malen

Für die Momente, wenn der Kopf leer ist und die Seele nach kreativem Handeln schreit. Du bist aber gerade planlos. Du könntest malen, aber was?

Wie male ich frei, wenn keine Ideen da sind?

Beshan Abstrakte Malerei 0

Bevor du los legst, denk darüber nach, was dich in der letzten Zeit beschäftigt hat. Was hat dich erfreut, betrübt, dir Sorgen bereitet oder Mut gemacht? All das hat dein Unterbewusstsein gespeichert und hat mehr Einfluss auf dein bewusstes Handeln, als du ahnst.

Wenn du soweit bist, denk an eine Farbe, an deine aktuelle Lieblinsfarbe. Nur eine Farbe. Du kannst es auch mischen, so kriegst du einen besseren Zugang zu Farbe. Mal die gesamte Fläche der Leinwand mit dieser Farbe, am Besten mit einem Schwamm. Damit hast du schon einen Anfang gemacht und die ominöse leere weiße Fläche überwunden.

Das ist schon die halbe Miete. Manche würden das sogar als fertiges Bild sehen, aber wir wollen natürlich weiter machen.

Kurz trocknen und wirken lassen. Tauche in diese Farbe ein und werde eins mit ihr. Das ist jetzt deine Farbe. Selbst wenn beim fertigen Bild nichts mehr von der ursprünglich Farbe übrig bleibt, sie trägt trotzdem das gesamte Bild.

Nach der intensiven Beobachtung taucht meistens auf der Leinwand eine Stelle auf, die uns was sagen will. Rechts, links, unten, oben oder in der Mitte. Dann malst du dort, wo es dir treffend erscheint, ein Gegenstand, an dem du gerade gedacht hast, oder mehrere. Am Besten in einer Kontrastfarbe. Es muss nicht unbedingt erkennbar sein, was das ist. Hauptsache, du weisst es. Abstrahieren heißt nämlich, dass du ein nicht materiell erfassbares Ding nach deinem emotionalen Ermessen darstellen kannst – sei es dein/e Ex, der/die wie ein Tausendfüssler aussieht oder das Neu-Verliebtsein, das Wolken ähnliche Formationen zeigt. Du entscheidest es.

Male mit Mut!

Be'shan Abstrakte Malerei 1

Besser gesagt – male ohne Angst! Leinwand verzeiht die Angst nicht. Auch die Betrachter sehen es, dass die Angst im Spiel war und das tut dem Bild nicht gut. So wie mit manchen Hunden – zeigst du ihnen Angst, werden sie frecher und sogar gefährlicher. Versuche an diesen Satz zu denken, sollte dich Angst beim Malen blockeren: Was habe ich zu verlieren?

In der Tat! Du hast gar nichts zu verlieren, die Leinwand kannst du tausend Mal übermalen und immer wieder neu gestalten, wo ist das Problem?

Wenn der Gegenstand (oder die) steht, beginnst du mit der Gestaltung. Drinnen, draußen, drum herum, völlig egal. Verwende dabei möglichst viel von der Kontrastfarben, aber auch die s.g schmutzige, erdige Farben sollten zum Einsatz kommen, sonst wirkt ein Bild, dass nur aus leuchtenden und bunten Farben besteht schnell langweilig. Male Kreise, Ornamente, einfache Linien, Punkte, was auch immer. Gestalte die Fläche, wie du dich selbst gestaltest, wenn du ausgehst und Eindruck auf die Menschen hinterlassen willst. Verwende dabei Pinsel, Spachtel, Rakel, Schwämme – was du willst.

Beobachte nun das neugeborene Bild

Nimm dir ruhig Zeit dazu, denn das Beobachten ist manchmal wichtiger als Malen. Malen dauert meistens Minuten, die ganze Zeit beobachten wir das Entstehen, verinnerlichen wir die Kompositionen und spüren sie. Das Denken wird möglichst ausgeschaltet und das Bild mit dem Bauch gesehen. Wenn in der abstrakten Malerei der Kopf Überhand gewinnt, dann haben wir einen trocken zusammengewürfelten Farbenpsychomüll – so sollte man dann nicht wundern, wenn kein Mensch solche Kreationen kaufen will. Durch die intensive Beobachtung geschieht so was wie Verbrüderung mit dem Bild. So tauchen nach und nach Stellen auf, die Korrekturen bedürfen.

Beobachte weiter das Bild, du hast Zeit.

Vertraue deinem inneren Programm

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Es weiß sehr wohl, was stimmig ist und was nicht, welche Farbe zu welcher passt, was einander erträgt und was nicht. Wie in der Musik, wo selbst ein Laie merkt, wenn der falsche Ton ertönt, ist es mit den Farben auch nicht anders. Unser inneres, angeborenes Programm weiß Bescheid, und es sitzt im Bauch, der Kopf schickt nur Zweifel und verursacht meistens Chaos und Gedankeninvansion. Also ab mit denen, in den Gedankenfleischwolf.

Mag sein, dass das Bild nach Veränderung schreit. Dann verändere die Stelle, die das betrifft. Auch hier brauchst du Mut. Mut zur Veränderung, was dir nicht gefällt oder nichts ins Bild passt – weg damit!

Jetzt dreh das Bild auf den Kopf und beobachte es kurz. Dieses Mal darf das Beobachten nicht zu lang sein. Die ersten Minuten sind dabei entscheidend, so lange sich die Augen an die neue Perspektive nicht gewöhnt haben – in der Zeit musst du die Entscheidung fällen, es zu verändern.

Dann folgst du deinen Impulsen, du weißt was zu tun ist. Dein Instinkt hat sich mit dem Bild bereits verbrüdert. Ist nun das Bild in sich stimmig? Wenn nicht, veränderst es noch mal, und noch mal, bis eine in sich geschlossene Welt sichtbar ist. Es ist dein Königreich, dein Zufluchtsort, deine Hölle und dein Paradies. Eine Schöpfung, die sogar dich überleben wird.

Finde einen passenden Titel

Wie die Menschen, so brauchen auch Bilder Namen, besonders die abstrakten. Das erleichtert Beobachtern den Zugang zum Bild, damit keine überflüssigen Fragen entstehen, wie – was hat der Künstler bloß dabei gedacht?!

Denk mal an deine Gedankengänge vor dem Malen, als du in sich gegangen bist und dein Gemütszustand beobachtest hat. Kreiere daraus ein knackiges Wortspiel und gib dem Bild einen würdigen Titel.

 


Kunsterlebnisse Beshan

Der in Tiflis/Georgien geborene Be’shan ist Autor, Maler, Kunsttherapeut und Heilpraktiker für Psychotherapie. Er bietet in seinem Atelier in Hamburg-Ottensen Workshops für Kinder und Erwachsene an.

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