Intuitives Zeichnen – im Sehen erleben


Oktober 2019

Die zwei Seiten unseres Denkens

Stell Dir vor, du schaust in den Spiegel und möchtest ein Porträt von dir zeichnen. Nachdem du dich damit ein paar Minuten beschäftigt hast, stellst du fest, dass deine skizzierten Augen wie eine Mandel mit Kreis darin aussehen. Etwas entmutigt machst du dich weiter daran, dein Gesicht zu zeichnen und versuchst dich an der Nase. Dir gelingt es ganz gut eine Nase zu zeichnen (Nasen sind schwer), aber beim Blick in den Spiegel stellst du fest, dass es überhaupt nicht deine Nase ist, die du gezeichnet hast. Insgesamt bist du in der Lage ein Gesicht zu zeichnen, doch je länger du zeichnest, desto weniger gefällt dir dein Bild. Obwohl du versuchst, genau das zu zeichnen, was du im Spiegel siehst, scheint deine Hand wie verhext etwas anderes aufs Papier zu bringen.

Ein Symbol ist eine Abkürzung

So oder ähnlich geht es vielen, wenn sie zeichnen. Unser analytisches Denken sorgt dafür, Dinge zu vereinfachen, sie symbolhaft zu begreifen, um die Komplexität der Welt bewältigen zu können. Wir nutzen dafür unsere „logische“ (linke) Gehirnhälfte. Wollen wir einen Stuhl zeichnen, haben wir sofort ein Symbol für „Stuhl“ vor Augen. Wir verlassen uns auf die Logik und spulen dieses Wissen beim Zeichnen ab. Intuitives Zeichnen ist das Gegenteil davon. Es ist Sehen, Erkennen und bewusst Wahrnehmen. Wenn du dich auf die Methode des intuitiven Zeichnens einlässt, wirst du deinen inneren Kritiker beruhigen und von deinem Können überzeugen. Du lernst, alles Wahrgenommene zu einem Ganzen zusammenzufügen. Durch verschiedene Zeichenübungen entwickelst du die Fähigkeit, auf deine „intuitive“ (rechte) Gehirnhälfte zuzugreifen und diese bewusst zu nutzen.

Skizzen Rolf

Skizze zu den Augen von Rolf (Ausschnitt), Farbstift, 40 x 60 cm (2018)

Intuition: Blitzschnell handeln – viel mehr als ein Bauchgefühl

Intuition ist unser nichtsprachliches Erfahrungswissen. Dies ist überlebensnotwendig, denn wir müssen in der Lage sein, in Bruchteilen von Sekunden komplexe Herausforderungen zu bewältigen, und zwar ohne genau zu wissen, warum wir so und nicht anders handeln. Ein Beispiel: Du wanderst durch einen Wald, nach langem Marsch findest Du eine Quelle. Erschöpft und glücklich lässt du dich zum Trinken nieder. Herrlich. Du richtest dich auf und schaust einem Wolf in die Augen. Und jetzt? Die Situation lässt dir keine Zeit, nachzudenken. Du wirst einfach aus deiner Intuition heraus handeln.

Unser intuitives, nichtsprachliches Denken und Handeln ist nicht aus sich heraus besser oder schlechter als das logische Denken. Dennoch scheint ihm in unserer von Sprache und Rationalität geprägten Kultur eine geringere Bedeutung beigemessen zu werden. Im Nachhinein versucht man eine Handlung – oft mit vielen Worten – zu „erklären“, die Logik darin zu erkennen. Wenn man die richtigen Worte dafür nicht findet, war es eben nur (hier in einem eher abwertenden Sinne) ein Bauchgefühl, eine Gefühlsentscheidung, die keiner Rationalität folgt. Dabei sind es gerade die „Bauchentscheidungen“, die Innovation hervorbringen.

Paul Auster bringt es auf den Punkt: „Der wahre Sinn der Kunst besteht nicht darin, schöne Objekte zu schaffen. Es ist vielmehr eine Methode, um zu verstehen.“

Skizze klavierspielendes Mädchen

Eleni spielt Cembalo – Tuschezeichnung 60×60 cm (2014)

Meine Idee vom intuitiven Zeichnen

Zeichnen ist Sehen, sich Zeit nehmen, um zu beobachten. Zeichnen ist im Sehen erleben. Das Wesentliche erschließt sich erst durch das genaue Hinsehen und die Übersetzung der Beobachtung auf das Papier. Ich lasse mich nicht nur auf das Zeichnen der Linien eines Motivs ein, sondern erfasse auch das, was dazwischen ist als eigenständige Form, die sich mir mitteilt. Im Zeichnen verbinde ich beide Eindrücke.

Wie die Linie, die ich zeichne, aussieht, entscheidet mein Gefühl, nicht die Ratio und auch nicht das abgespeicherte Symbol. Indem ich versuche, das rationale Denken auszuschalten und nur intuitiv der Linie zu folgen, die ich genau in diesem Moment sehe, entsteht zeichnerisch ein Abbild meiner Wirklichkeit – so wie ich sie sehe. Ich zeichne also nicht mehr „im Außen“ das abgespulte Symbol der Augen, sondern erkenne „im Sehen“ die einzigartigen, für mich in dem Moment interessanten Linien und es entsteht auf dem Papier die Form meiner Augen.

Diese Erlebnisfähigkeit, sagt der Maler Erich Heckel (1883 – 1970), ist die Voraussetzung von Kunst.

Den Prozess des intuitiven Zeichnens erkläre ich dir in dem nachfolgenden Video.

Zu entdecken, wie die Dinge wirklich sind, und zu erfahren, dass man nach wenigen Stunden Übung zu erstaunlichen Ergebnissen gelangt, ist zutiefst befriedigend.

Intuitives Zeichnen stärkt das Selbstbewusstsein und entspannt

Britta Meins - Selbstportrait

Porträtskizze (Selbst), Bleistift, 20 x 30 cm (2019)

Skizze Glas in der Hand

Wie sieht es aus, wenn man etwas festhält (Skizze), Blei-/Farbstift, 15 x 20 cm (2019)

Das Zeichnen schult die Fokussierung, stärkt das Selbstbewusstsein und führt ganz nebenbei zum Stressabbau. Auch in beruflicher Hinsicht unterstützt uns die Erfahrung des intuitiven Zeichnens, etwa bei der Entwicklung innovativer Ideen oder unkonventioneller Lösungen. Die Inspiration bringt dich dazu, etwas Neues zu erschaffen. Der Spaß an der neuen Sehweise schafft Motivation für weitere Arbeiten und bringt dich an einen Punkt der inneren Ruhe und Gelassenheit.

Intuitives Zeichnen Zeichenschüler
Intuitives Zeichnen Zeichenschüler

Zeichenschüler

Text und Fotos: © Britta Meins 2019


Britta Meins ist freischaffende bildende Künstlerin und beschäftigt sich insbesondere mit der Portraitzeichnung. Sie fängt genauso gerne Persönlichkeiten der Öffenlichkeit wie z.B. Helmut Schmidt, Oscar Wilde, Nick Cave oder David Bowie ein wie auch Menschen „wie du und ich“.

In ihrem Atelier in Hamburg St-Pauli bietet sie Workshops für intuitives Zeichnen an und lehrt dich, durch das Dickicht von routinierten Denkweisen und Alltagsstress an einen Punkt der inneren Ruhe und Gelassenheit zu gehen und: neu zu sehen.

Zu den Kursen von Britta Meins.

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